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Die Insel
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Der Band "Die Insel" mit sechzehn Erzählungen aus den Jahren 1968 bis 1999 ist für mich eines der ganz großen Meisterwerke der Weltliteratur. Die Geschichten sind unaufdringlich und intensiv zugleich. Die meisten Geschichten spielen in Cape Breton in der kanadischen Provinz Nova Scotia. Die meisten Menschen in diesen Geschichten stammen von schottischen Auswanderern ab. Sie sind Fischer, Bergleute oder Holzfäller. Die Familien sind kinderreich und weit verzweigt. Hoffnung geben die gälischen Lieder der schottischen Heimat. Das Leben ist hart und trostlos und ohne Betäubung durch Alkohol kaum zu ertragen. Deshalb ziehen die Jüngeren auch in die Städte. Die Alten aber weigern sich ihre alten, oft verfallenen Häuser zu verlassen. Alistair MacLeod beschreibt diese Menschen mit Würde. Es gibt Bilder in diesen Erzählungen, die ich nie wieder vergessen werde. Darüber hinaus ist "Die Straße nach Rankin's Point" von 1976 eine der besten Erzählungen, die ich jemals gelesen habe. Alleine für diese Erzählung verdient das Buch die Höchstwertung. Ein Kritiker bezeichnete die Kunst des Autors als "sanfte Sprachgewalt". Ich finde das sehr passend und empfehle jedem das Buch.
Mehr zu den einzelnen Geschichten weiter unten. Vorher noch einige kurze Notizen zum Autor:
Alistair MacLeod ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Kanadas, obwohl er nur einen Roman und weniger als zwanzig Erzählungen geschrieben hat. Er hat als Professor an einer Universität gearbeitet. Nur im Sommer ist er zurück nach Cape Breton gekommen, um zu schreiben. MacLeod beschreibt in seinen Geschichten die Welt seiner Großeltern und Eltern. Seine Vorfahren waren Schotten, die im 18. Jahrhundert ausgewandert sind. Seine Eltern sprachen Gälisch. MacLeod hat zur Finanzierung seines Studiums auch als Holzfäller, Minenarbeiter und Fischer gearbeitet. Er kennt das, was er beschreibt. Er hat grundsätzlich mit Stift und Papier geschrieben. Er hat einmal in einem Interview erzählt, dass er jeden Satz einzeln schreibt, dann eine Pause macht und sich den Satz selbst laut vorliest, um zu sehen, ob es richtig ist. Und richtig ist es in diesen Erzählungen fast immer. MacLeod ist 2014 mit 77 Jahren gestorben.
Kurze Anmerkungen zu den einzelnen Erzählungen:
Das Boot |
Der Ich-Erzähler erinnert sich an seine Familie. Die Geschichte ist vor allem eine Liebeserklärung an den toten Vater, der am liebsten angezogen auf seinem Bett lag, Radio gehört hat und zum Missfallen seiner Frau Bücher gelesen hat und der nie ein Küstenfischer sein wollte.
Die endlose Weite der Dunkelheit |
Der Ich-Erzähler wird 1960 achtzehn. Endlich kann er seine Heimat, die trostlose Bergwerkstadt, verlassen. Er lernt, dass "Weggehen" keine rein körperliche Sache ist.
Gold und Grau |
Der achtzehnjährige Jesse spielt Billard und denkt an die Familie zuhause. Die Eltern fragen sich, wo er bleibt. Schließlich ist es schon nach Mitternacht. Aber die Nacht ist noch lange nicht vorbei.
Rückkehr |
Der zehnjährige Alex fährt mit seinen Eltern die Familie des Vaters besuchen. Sie kommen aus Montreal. Der Vater ist jetzt Anwalt in der Kanzlei seines Schwiegervaters. Die Großeltern sind einfache Leute. Der Großvater arbeitet im Bergwerk. Eine sensible Geschichte über Herkunft und Klassismus.
Im Herbst |
Der Ich-Erzähler lebt mit seinen Eltern und fünf Geschwistern auf einer kleinen Farm zwischen Meer und Bergwerkstadt. Das Geld ist knapp. Das alte Pferd muss verkauft werden, wohlwissend dass es zu Futter verarbeitet werden wird.
Grüner Stein | ****
Der Ich-Erzähler kommt aus der Stadt in das Fischerdorf, in dem sein Sohn John bei den Eltern seiner Ex-Frau lebt. Seine Ex-Frau und ihr neuer Mann sind bei einem Unfall verstorben.
Die Straße nach Rankin's Point |
Als Calums Großmutter sechsundzwanzig Jahre alt war und ihr siebtes Kind erwartete, verunglückte ihr betrunkener Mann tödlich auf den vereisten Klippen. Siebzig Jahre später besucht der todkranke Calum die mittlerweile sechsundneunzigjährige Frau, die allein gegen den Willen ihrer Familie in ihrer abseits gelegenen Hütte lebt. Eine Geschichte über den nahenden Tod.
Abschied vom Sommer | ****
Der Abschied vom Sommer ist auch ein schleichender Abschied von der harten Welt der Bergwerke und der Fischerei in Kanada, einer Welt, die sich nur mit selbstgebranntem Schnaps ertragen lässt. Die Reise zum nächsten Bergwerk wird die Kumpels nach Südafrika führen.
Alles hat seine Zeit | ****
Weihnachten 1977 überschreitet der elfjährige Ich-Erzähler die Schwelle zur Erwachsenenwelt.
Zweiter Frühling | ****
Der Ich-Erzähler ist in der siebten Klasse. Er lebt mit seiner Familie auf einer Farm. Er träumt davon, Jungzüchter zu werden.
Winterhund |
Ein Familienvater beobachtet an einem Wintermorgen seine Kinder beim Spielen im Schnee mit einem Collie-ähnlichen Hund. Das löst Erinnerungen an die Zeit aus, als er zwölf Jahre alt war. Da hatte er einen ähnlichen Hund, der ihm das Leben gerettet hat.
Die Suche nach Vollkommenheit |
Archibald ist achtundsiebzig Jahre alt. Er wohnt immer noch in dem Holzhaus, das er vor Jahrzehnten mit seinem Zwillingsbruder gebaut hat. Er blickt auf ein hartes Leben zurück. Seine Frau ist bei der Geburt des vierten Kindes zusammen mit diesem gestorben. Sein Bruder lief durch den Schnee zu Archibald, der in einem Holzfällercamp arbeitete. Dabei holte er sich eine Lungenentzündung und starb. Trost bekommt Archibald durch das Singen gälischer Lieder aus der schottischen Heimat. Er ist überregional als "der gälische Sänger" bekannt. Jetzt soll er eventuell noch einmal mit der Familie in Halifax auftreten.
Vögel bringen die Sonne hervor |
Ein Mann lebt mit seiner Familie an der Küste. Ein treuer Gefährte ist sein Hund, bis es zu einem schrecklichen Unfall kommt.
Vision |
Der siebzehnjährige Erzähler hilft seinem Vater bei der Hummerfischerei. Der Vater erzählt ihm während der Arbeit aus seiner Kindheit, von Erlebnissen, die er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder hatte. Dabei spielen eine blinde, alte Frau, der Erste Weltkrieg und "Da Shealadh", das zweite Gesicht, wichtige Rollen. Eine Geschichte über das Geschichtenerzählen.
Die Insel |
Das wichtigste auf der kleinen, rauhen Insel ist der Leuchtturm. Erzählt wird die Geschichte der Leuchtturmwärterfamilie, vor allem der Tochter. Heulende Schneestürme, drückende Einsamkeit und Tod prägen das Leben.
Kahlschlag |
Der alte Mann war schon im Schützengraben, lange bevor er Schafzüchter geworden ist. Jetzt ist seine Frau unter einer Schafswolldecke gestorben. Die Kahlschläger kommen in den Ort, denn die Touristen (z.B. aus Deutschland) suchen Grundstücke in Küstennähe. Wälder stören da nur. Eine neue Zeit beginnt.
Mehr zu den einzelnen Geschichten weiter unten. Vorher noch einige kurze Notizen zum Autor:
Alistair MacLeod ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Kanadas, obwohl er nur einen Roman und weniger als zwanzig Erzählungen geschrieben hat. Er hat als Professor an einer Universität gearbeitet. Nur im Sommer ist er zurück nach Cape Breton gekommen, um zu schreiben. MacLeod beschreibt in seinen Geschichten die Welt seiner Großeltern und Eltern. Seine Vorfahren waren Schotten, die im 18. Jahrhundert ausgewandert sind. Seine Eltern sprachen Gälisch. MacLeod hat zur Finanzierung seines Studiums auch als Holzfäller, Minenarbeiter und Fischer gearbeitet. Er kennt das, was er beschreibt. Er hat grundsätzlich mit Stift und Papier geschrieben. Er hat einmal in einem Interview erzählt, dass er jeden Satz einzeln schreibt, dann eine Pause macht und sich den Satz selbst laut vorliest, um zu sehen, ob es richtig ist. Und richtig ist es in diesen Erzählungen fast immer. MacLeod ist 2014 mit 77 Jahren gestorben.
Kurze Anmerkungen zu den einzelnen Erzählungen:
Das Boot |
Der Ich-Erzähler erinnert sich an seine Familie. Die Geschichte ist vor allem eine Liebeserklärung an den toten Vater, der am liebsten angezogen auf seinem Bett lag, Radio gehört hat und zum Missfallen seiner Frau Bücher gelesen hat und der nie ein Küstenfischer sein wollte.
Die endlose Weite der Dunkelheit |
Der Ich-Erzähler wird 1960 achtzehn. Endlich kann er seine Heimat, die trostlose Bergwerkstadt, verlassen. Er lernt, dass "Weggehen" keine rein körperliche Sache ist.
Gold und Grau |
Der achtzehnjährige Jesse spielt Billard und denkt an die Familie zuhause. Die Eltern fragen sich, wo er bleibt. Schließlich ist es schon nach Mitternacht. Aber die Nacht ist noch lange nicht vorbei.
Rückkehr |
Der zehnjährige Alex fährt mit seinen Eltern die Familie des Vaters besuchen. Sie kommen aus Montreal. Der Vater ist jetzt Anwalt in der Kanzlei seines Schwiegervaters. Die Großeltern sind einfache Leute. Der Großvater arbeitet im Bergwerk. Eine sensible Geschichte über Herkunft und Klassismus.
Im Herbst |
Der Ich-Erzähler lebt mit seinen Eltern und fünf Geschwistern auf einer kleinen Farm zwischen Meer und Bergwerkstadt. Das Geld ist knapp. Das alte Pferd muss verkauft werden, wohlwissend dass es zu Futter verarbeitet werden wird.
Grüner Stein | ****
Der Ich-Erzähler kommt aus der Stadt in das Fischerdorf, in dem sein Sohn John bei den Eltern seiner Ex-Frau lebt. Seine Ex-Frau und ihr neuer Mann sind bei einem Unfall verstorben.
Die Straße nach Rankin's Point |
Als Calums Großmutter sechsundzwanzig Jahre alt war und ihr siebtes Kind erwartete, verunglückte ihr betrunkener Mann tödlich auf den vereisten Klippen. Siebzig Jahre später besucht der todkranke Calum die mittlerweile sechsundneunzigjährige Frau, die allein gegen den Willen ihrer Familie in ihrer abseits gelegenen Hütte lebt. Eine Geschichte über den nahenden Tod.
Abschied vom Sommer | ****
Der Abschied vom Sommer ist auch ein schleichender Abschied von der harten Welt der Bergwerke und der Fischerei in Kanada, einer Welt, die sich nur mit selbstgebranntem Schnaps ertragen lässt. Die Reise zum nächsten Bergwerk wird die Kumpels nach Südafrika führen.
Alles hat seine Zeit | ****
Weihnachten 1977 überschreitet der elfjährige Ich-Erzähler die Schwelle zur Erwachsenenwelt.
Zweiter Frühling | ****
Der Ich-Erzähler ist in der siebten Klasse. Er lebt mit seiner Familie auf einer Farm. Er träumt davon, Jungzüchter zu werden.
Winterhund |
Ein Familienvater beobachtet an einem Wintermorgen seine Kinder beim Spielen im Schnee mit einem Collie-ähnlichen Hund. Das löst Erinnerungen an die Zeit aus, als er zwölf Jahre alt war. Da hatte er einen ähnlichen Hund, der ihm das Leben gerettet hat.
Die Suche nach Vollkommenheit |
Archibald ist achtundsiebzig Jahre alt. Er wohnt immer noch in dem Holzhaus, das er vor Jahrzehnten mit seinem Zwillingsbruder gebaut hat. Er blickt auf ein hartes Leben zurück. Seine Frau ist bei der Geburt des vierten Kindes zusammen mit diesem gestorben. Sein Bruder lief durch den Schnee zu Archibald, der in einem Holzfällercamp arbeitete. Dabei holte er sich eine Lungenentzündung und starb. Trost bekommt Archibald durch das Singen gälischer Lieder aus der schottischen Heimat. Er ist überregional als "der gälische Sänger" bekannt. Jetzt soll er eventuell noch einmal mit der Familie in Halifax auftreten.
Vögel bringen die Sonne hervor |
Ein Mann lebt mit seiner Familie an der Küste. Ein treuer Gefährte ist sein Hund, bis es zu einem schrecklichen Unfall kommt.
Vision |
Der siebzehnjährige Erzähler hilft seinem Vater bei der Hummerfischerei. Der Vater erzählt ihm während der Arbeit aus seiner Kindheit, von Erlebnissen, die er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder hatte. Dabei spielen eine blinde, alte Frau, der Erste Weltkrieg und "Da Shealadh", das zweite Gesicht, wichtige Rollen. Eine Geschichte über das Geschichtenerzählen.
Die Insel |
Das wichtigste auf der kleinen, rauhen Insel ist der Leuchtturm. Erzählt wird die Geschichte der Leuchtturmwärterfamilie, vor allem der Tochter. Heulende Schneestürme, drückende Einsamkeit und Tod prägen das Leben.
Kahlschlag |
Der alte Mann war schon im Schützengraben, lange bevor er Schafzüchter geworden ist. Jetzt ist seine Frau unter einer Schafswolldecke gestorben. Die Kahlschläger kommen in den Ort, denn die Touristen (z.B. aus Deutschland) suchen Grundstücke in Küstennähe. Wälder stören da nur. Eine neue Zeit beginnt.
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June 25, 2023
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June 25, 2023
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"Nach zwei Erzählungen kann ich bereits sagen, dass sich der Kauf des Buches gelohnt hat. Das waren Geschichten, die sich nicht vor Hemingway, Faulkner oder Carver verstecken müssen."
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69
June 26, 2023
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28.8%
"Ich habe bisher 5 von 16 Erzählungen gelesen und kann kaum glauben wie großartig diese Geschichten sind."
page
127
June 28, 2023
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43.31%
"Die zuletzt gelesene Erzählung "Die Straße nach Rankin's Point" von 1976 ist ohne Übertreibung eine der besten Erzählungen, die ich jemals gelesen habe."
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191
June 30, 2023
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SusanneH
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Jun 30, 2023 10:58PM

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