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Atemschaukel
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Mein Großvater war 16 Jahre alt, als er als Soldat eingezogen und an die Front geschickt wurde. Nach einem Jahr wurde er inhaftiert und in ein Gefangenenlager gebracht, das er schließlich nur früher verlassen durfte, weil er noch so jung war. Zwar hat er später vom Krieg erzählt, aber es war immer mit einer gewissen Distanziertheit und sicherlich waren es nur ausgewählte Bruchstücke seiner Erlebnisse, die er mit mir geteilt hat.
Ich habe seine Geschichten gehört, habe davon gehört, wie im Lager Leichen auf dem Boden lagen und um die Lagerzäune nirgends mehr Gras wuchs, weil die Gefangenen es vor Hunger ausgerissen hatten, aber ich bin ehrlich, wirklich vorstellen wie das war konnte ich nicht. Es gibt zu viele Dinge auf dieser Welt, die man als außenstehende Person vielleicht in der Theorie begreift, aber nie wahrhaftig verstehen und nachvollziehen kann.
Auch Herta Müller erzählt in ihrem Roman Atemschaukel von einem jungen Mann in einem Arbeitslager. Der Kontext ist ein anderer (Siebenbürgen, rumänendeutsche Verfolgung unter Stalin) und die Art wie vom Lagerleben gesprochen wird gänzlich anders als die Berichte meines Großvaters. Aber was sich gleicht ist mein Gefühl zwar auf gewisse Weise teilzuhaben, letztlich aber nicht wirklich zu verstehen.
Bei einer Besprechung von Atemschaukel sagte Herta Müller, dass es ihr als Kind oft schwerfiel das Verhalten ihrer Mutter, die in einem sowjetischen Arbeitslager Zwangsarbeit verrichten musste, einzuordnen. Für sie war es nicht Teil ihrer Welt, wenn ihre Mutter davon sprach, dass Durst so viel schlimmer als Hunger sei oder wenn sie einer Kartoffel so viel Bedeutung beimaß.
Bezogen auf den Text selbst waren es vor allem die Erfahrungen des Lyrikers Oskar Pastior und anderen Gefangenen, auf denen Müller Atemschaukel basiert hat. Das erklärt vielleicht, warum der Text so metaphernreich und poetisch anmutet. Hungerengel, Atemschaukel, Herzschaufel - es wird viel mit Sprachbildern und Situationsimpressionen gearbeitet. Vieles bleibt dabei auch ungesagt und offen. Atemschaukel ist kein Buch, dass dem Lesenden alles klar präsentiert, weshalb es vielleicht nicht jeden für sich einzunehmen vermag.
Gleichzeitig hat es meine Erwartungen untergraben, weil es sehr anders ist als andere Texte zur gleichen Thematik. Das ist in jedem Fall eine große Qualität von Atemschaukel. Trotzdem blieb mir die Welt unseres Protagonisten sehr fremd und teilweise nur schwer zugänglich. Manchmal ist alles sehr abstrakt. Müllers Anmerkungen haben mir zwar beim Einordnen geholfen, aber ich hätte die Figuren gerne noch etwas besser verstanden, ohne, dass man es mir erklären muss.
Wer interessiert ist, hier der Link zum Interview von Herta Müller:
Ich habe seine Geschichten gehört, habe davon gehört, wie im Lager Leichen auf dem Boden lagen und um die Lagerzäune nirgends mehr Gras wuchs, weil die Gefangenen es vor Hunger ausgerissen hatten, aber ich bin ehrlich, wirklich vorstellen wie das war konnte ich nicht. Es gibt zu viele Dinge auf dieser Welt, die man als außenstehende Person vielleicht in der Theorie begreift, aber nie wahrhaftig verstehen und nachvollziehen kann.
Auch Herta Müller erzählt in ihrem Roman Atemschaukel von einem jungen Mann in einem Arbeitslager. Der Kontext ist ein anderer (Siebenbürgen, rumänendeutsche Verfolgung unter Stalin) und die Art wie vom Lagerleben gesprochen wird gänzlich anders als die Berichte meines Großvaters. Aber was sich gleicht ist mein Gefühl zwar auf gewisse Weise teilzuhaben, letztlich aber nicht wirklich zu verstehen.
Bei einer Besprechung von Atemschaukel sagte Herta Müller, dass es ihr als Kind oft schwerfiel das Verhalten ihrer Mutter, die in einem sowjetischen Arbeitslager Zwangsarbeit verrichten musste, einzuordnen. Für sie war es nicht Teil ihrer Welt, wenn ihre Mutter davon sprach, dass Durst so viel schlimmer als Hunger sei oder wenn sie einer Kartoffel so viel Bedeutung beimaß.
Bezogen auf den Text selbst waren es vor allem die Erfahrungen des Lyrikers Oskar Pastior und anderen Gefangenen, auf denen Müller Atemschaukel basiert hat. Das erklärt vielleicht, warum der Text so metaphernreich und poetisch anmutet. Hungerengel, Atemschaukel, Herzschaufel - es wird viel mit Sprachbildern und Situationsimpressionen gearbeitet. Vieles bleibt dabei auch ungesagt und offen. Atemschaukel ist kein Buch, dass dem Lesenden alles klar präsentiert, weshalb es vielleicht nicht jeden für sich einzunehmen vermag.
Gleichzeitig hat es meine Erwartungen untergraben, weil es sehr anders ist als andere Texte zur gleichen Thematik. Das ist in jedem Fall eine große Qualität von Atemschaukel. Trotzdem blieb mir die Welt unseres Protagonisten sehr fremd und teilweise nur schwer zugänglich. Manchmal ist alles sehr abstrakt. Müllers Anmerkungen haben mir zwar beim Einordnen geholfen, aber ich hätte die Figuren gerne noch etwas besser verstanden, ohne, dass man es mir erklären muss.
Wer interessiert ist, hier der Link zum Interview von Herta Müller:
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Atemschaukel.
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July 14, 2024
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Started Reading
July 14, 2024
– Shelved
August 19, 2024
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20.0%
"Grausamkeit und Härte des Arbeitslagers sehr poetisch verpackt. Sehr eindrücklich und doch weiß ich noch nicht ganz wie ich es finde."
August 28, 2024
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wwii
August 28, 2024
– Shelved as:
violence
August 28, 2024
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August 28, 2024
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Berengaria
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Aug 28, 2024 08:59PM

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