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leynes's Reviews > Der Besuch der alten Dame: Eine tragische Komödie

Der Besuch der alten Dame by Friedrich Dürrenmatt
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it was amazing
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Meine erste Lektüre 2024. Und gleich ein 5-Sterne-Buch. Das war wirklich nicht vorgesehen. Vor allem da das Buch auf recht unverhoffte Weise Einzug in mein Bücherregal erhielt. Ich habe diese etwas weirde gebundene Ausgabe von 1956 (Erstausgabe, woo hoo!) im Bücherschrank meines Sportvereins gefunden. Eigentlich wollte ich das Stück gerne in der Diogenes-Taschenbuchausgabe lesen, da diese zu meiner Ausgabe von Die Physiker passt, aber immer wenn ich ein WuLi-Buch irgendwo kostenlos finde, nehme ich es immer mit, egal in welcher Ausgabe.

Anyways, Dürrenmatt ist einer jener Dramatiker, um die ich in der Schulzeit "herumgekommen" bin, irgendwie stand er bei uns nie auf dem Lehrplan. Im Nachhinein ist das vielleicht auch ganz gut so, da ich es wirklich geschafft habe, jede einzelne meiner Schullektüren abgrundtief zu hassen, und Dürrenmatt gefällt mir jetzt als freie, unabhängige Erwachsene ganz gut. ;) Ich fand schon Die Physiker urkomisch, muss aber sagen, dass Dürrenmatt mit Der Besuch der alten Dame den Vogel abgeschossen hat. Ich finde dieses Stück nochmal um einiges besser. Dürrenmatts Dialoge sind einfach zum Schreien komisch. Gleichzeitig schafft er es jedoch auch wichtige Themen anzusprechen, in diesem Stück bspw. Scheinheiligkeit, Macht und Gerechtigkeit.
DER BÜRGERMEISTER: Meine Herren, die Milliardärin ist unsere einzige Hoffnung.
DER PFARRER: Außer Gott.
DER BÜRGERMEISTER: Außer Gott.
DER LEHRER: Aber der zahlt nicht.
In dem Stück geht es um die Milliardärin Claire Zachanassian, die ihrer Heimat, der verarmten Kleinstadt Güllen, einen Besuch abstattet. Während die Einwohner auf finanzielle Zuwendungen und Investitionen hoffen, will Claire vor allem Rache für ein altes Unrecht: Als sie im Alter von 17 Jahren von dem 19-jährigen Güllener Alfred Ill ein Kind erwartete, leugnete dieser die Vaterschaft und gewann mit Hilfe bestochener Zeugen den von Klara gegen ihn angestrengten Prozess. Entehrt, wehrlos und arm musste Klara Wäscher ihre Heimat verlassen, verlor ihr Kind, wurde zur Prostituierten, gelangte jedoch später durch die Heirat mit einem Ölquellenbesitzer (der noch acht weitere Ehen folgten) an ein riesiges Vermögen.

Die inzwischen hochangesehene "alte Dame" hat insgeheim, als Vorbereitung für ihren Besuch, in der Vergangenheit alle Güllener Fabriken und Grundstücke aufgekauft, um die Stadt allmählich zu ruinieren. Nun, 45 Jahre nach ihrer Vertreibung, unterbreitet sie den auf diese Weise für Korruption und finanzielle Strohhalme besonders empfänglich gewordenen Güllenern ein ebenso verlockendes wie unmoralisches Angebot und verspricht: "Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet." Diese Forderung lehnen die Bewohner zunächst zwar entrüstet ab, beginnen jedoch gleichzeitig, über ihre Verhältnisse zu leben, sich Geld zu borgen und auszugeben, und die Kaufleute gewähren Kredite, so als ob alle mit einem baldigen Vermögenszuwachs rechnen könnten.

Der Bürgermeister gibt den Bau eines neuen Stadthauses in Auftrag, der Pfarrer hat bereits eine neue Glocke für die Kirche gekauft. Insbesondere bei dem Gespräch zwischen Ill und dem vermeintlich vertrauenswürdigen Pfarrer wird deutlich, dass niemand hinter Ill steht. Selbst Ills eigene Frau sich einen teuren Pelzmantel, der Sohn ein schnelles Auto und die Tochter nimmt Tennisunterricht.

Ill, von Schuld und Angst zermürbt, will nach Australien fliehen, wird jedoch von den Güllenern "zum Abschied" am Bahnsteig umringt und wagt es nicht den Zug zu besteigen. Wenig später bringt ihm der Bürgermeister ein geladenes Gewehr und lässt es, zum Selbstmord einladend, in Ills Laden zurück. Der jedoch zögert, wächst über sich selbst hinaus und besinnt sich anders. Aus seiner Resignation wird Einsicht und er beschließt sich seinen Mitbürgern auszuliefern. Stolz lässt der Bürgermeister in der Presse verkünden, Frau Zachanassian habe durch Vermittlung ihres Jugendfreundes Ill der Stadt eine Milliardenstiftung geschenkt. Vor laufenden Kameras stimmen die Bürger über Annahme oder Ablehnung der Stiftung ab, also eigentlich über die Tötung Ills.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit bilden dann die Bürger eine Gasse für Ill, die sich immer enger um ihn schließt. Als sie sich wieder öffnet, liegt Ill tot am Boden. "Herzschlag" und "Tod aus Freude" sind die Kommentare von Amtsarzt und Bürgermeister; die Presse übernimmt diese Meinung. Claire lässt den Toten in einen mitgebrachten Sarg legen, händigt dem Bürgermeister den Milliardenscheck aus und reist ab nach Capri, wo bereits ein Mausoleum auf Ills Leichnam wartet.

Der Besuch der alten Dame ist ein Theaterstück, das von der Korrumpierbarkeit der Menschen und der Schuld eines einzelnen handelt. Es zeigt, wie schnell Menschen in Versuchung geraten, wie schnell sich menschliche Gier ausbreiten kann, und welche Konsequenzen diese hat. Es zeigt ebenfalls die menschliche Bereitschaft sich auch mit dem "Unmenschlichen" abzufinden. Ich finde es persönlich wirklich nicht weit hergeholt, dass sich eine Dorfgemeinschaft so gegen einen Einzelnen verschwören würde, wenn danach wirklich gesichert so viel Geld für alle anderen herausspringen würde. Menschen haben definitiv schon für weniger getötet und für weniger weggeschaut.
ILL: Ich lebe in einer Hölle, seit du von mir gegangen bist.
CLAIRE ZACHANASSIAN: Und ich bin die Hölle geworden.
Was ich an dem Stück besonders interessant finde, ist, dass man natürlich mit Ill mitfühlt, aber trotzdem weiß, dass er kein Unschuldslamm ist. Claires Rachegelüste sind, wenn auch nicht in dieser Intensität, nachvollziehbar. Und sie ist als Figur einfach ICONIC ("Nicht nötig. Seit meinem Unfall bewege ich mich nur per Sänfte. Roby und Toby, her damit."). Und immerhin musste sie 45 Jahre auf ihre Rache warten. Dürrenmatt selbst hat sie ihrer Unerbittlichkeit wegen mit Medea verglichen. Als "reichste Frau der Welt" verfügt sie über finanzielle Druckmittel, die es ihr erlauben, die Bürger der Stadt für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Ihr Vermögen versetzt sie in die Lage, "wie eine Heldin der griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam". Claire braucht auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen � nicht mal auf ihr eigenes Gewissen. Und das macht sie zu einem so spannenden und auch untypischen Frauenfigur. Zudem hat Dürrenmatt sie mit einer Pseudo-Unsterblichkeit ausgestattet: Als einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes umgibt sie die Aura des Wunderbaren und Übermächtigen � auch wenn ein Blick hinter die grotesken Kulissen zeigt, dass ihr einst makelloser Körper inzwischen nur noch von zahlreichen Prothesen zusammengehalten wird.

Alfred Ill ist die einzige Figur, die den kathartischen Prozess der Läuterung durchläuft. Auf sich alleine gestellt und unausweichlich mit seinem Schicksal konfrontiert, gewinnt er nach anfänglicher Feigheit durch seine Haltung und Einsicht an Größe, entwickelt ein moralisches Bewusstsein und wird so letztlich zum tragischen Helden. In Der Besuch der alten Dame findet sich also Dürrenmatts typische zynische Kritik an der westlichen Wohlstandsgesellschaft, in der Geld Macht ist und die Welt regiert.

Doch das Stück ist keine typische Tragödie, es ist mindestens genauso eine Komödie, und das ist Dürrenmatts herrlichem Stil und der Handlung geschuldet. Das Stück ist mit seinem Thema der Käuflichkeit einer ganzen Stadt eine lächerliche Groteske. Die Bürger werden zunächst als ehrliche Bürger gezeigt, dann jedoch bald als lächerliche Figuren vorgeführt, indem sie der Verführung des Geldes unterliegen. Lügner, geldgierige Betrüger und hohle Phrasendrescher gehören zum klassischen Personal einer Komödie, und Dürrenmatt lässt sie alle auflaufen. Nicht zufällig heißt die Stadt "Güllen" (vgl. Gülle), denn sie erweist sich als ein Sumpf der Unmenschlichkeit und Morast der Unmoral.

Ich kann das Stück wirklich jedem ans Herz legen. Es liest sich unglaublich schnell, ist urkomisch und regt auch noch zum Nachdenken an. Wirklich, wirklich klasse.
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Reading Progress

January 2, 2024 – Shelved
January 3, 2024 – Started Reading
January 4, 2024 – Finished Reading

Comments Showing 1-12 of 12 (12 new)

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message 1: by Felix (new)

Felix Würdest du sagen, ist 'Der Besuch' sprachlich schwerer oder leichter als 'Die Physiker'? (Ich hatte kein Problem mit 'Tschick' und 'Die Physiker', aber bei 'Briefe an einen jungen Dichter' bin ich hängengeblieben.) Ich vermute, meine Frage ist nicht interessant (sorry) oder leicht für eine Muttersprachlerin (für dich ist nichts schwer). Ich stelle sie so wenig wie möglich.


Bene Vogt Relativ identisch.


leynes Felix wrote: "Würdest du sagen, ist 'Der Besuch' sprachlich schwerer oder leichter als 'Die Physiker'? (Ich hatte kein Problem mit 'Tschick' und 'Die Physiker', aber bei 'Briefe an einen jungen Dichter' bin ich ..."

Kein Problem. Ich beantworte deine Fragen gern. :) Ist genauso leicht wie "Die Physiker". Insgesamt hat es mir sogar besser gefallen, weil ich's noch lustiger fand. Würde dir das Stück also empfehlen. :)


leynes Bene wrote: "Relativ identisch."

Cooli. :D


Bene Vogt Die Dürrenmatt-Stücke sind, vielleicht mit Ausnahme von PORTRÄT EINES PLANETEN, alle gut verständlich und ein wirklich schlechtes ist meiner Erinnerung auch nicht dabei..


leynes Bene wrote: "Die Dürrenmatt-Stücke sind, vielleicht mit Ausnahme von PORTRÄT EINES PLANETEN, alle gut verständlich und ein wirklich schlechtes ist meiner Erinnerung auch nicht dabei.."

Ja, dem kann ich nur zustimmen.


message 7: by Felix (new)

Felix Liebe deutsche Literaturlehrerin (nicht erschrecken), das geht auf meine deutsche Leseliste. Werde deine Rezension nach dem Buch lesen.


leynes Felix wrote: "Liebe deutsche Literaturlehrerin (nicht erschrecken), das geht auf meine deutsche Leseliste. Werde deine Rezension nach dem Buch lesen."

Yay. Das freut mich sehr. Ich hoffe, dir gefällt's. Es ist wirklich sehr, sehr witzig in all seiner Tragik!


message 9: by Felix (new)

Felix Klasse indeed, and an insightful review as usual. Can’t help but wonder what real-life events served as inspiration. A subtle thread connects two otherwise disparate worlds, "Der Besuch" and "The Ones Who Walk Away from Omelas". In the Diogenes edition there is an Anhang with texts by the author that I haven’t read yet, I’ll report if interesting. On to "Biedermann und die Brandstifter" next, Theaterstücke sind eine gute Sprachübung.


leynes Felix wrote: "Klasse indeed, and an insightful review as usual. Can’t help but wonder what real-life events served as inspiration. A subtle thread connects two otherwise disparate worlds, "Der Besuch" and "The O..."

Happy to hear you enjoyed it as well. "Biedermann und die Brandstifter" is soo good, my personal favorite play of 2024 thus far! Bei Theaterstücken als Sprachübung stimme ich dir zu � deswegen lese ich auch gern französische. :> Ist meist nicht so ein großer Aufwand wie Romane oder (*grusel*) Sachbücher! :D


message 11: by Felix (new)

Felix Haha, we’re both trying to bridge from the opposing sides that hard gap between the romance and the germanic languages (with English being a convenient middle ground). I’m sure that you (much younger than me) will eventually succeed fully if you want to.


leynes Felix wrote: "Haha, we’re both trying to bridge from the opposing sides that hard gap between the romance and the germanic languages (with English being a convenient middle ground). I’m sure that you (much young..."

Just saw your comment now. Yes, I guess that's true. :> I have high hopes for my French language skills!


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